Fußgänger vor Ampel; Rechte: istockphoto

ZU FUSS  

"Fußgänger müssen um ihr Recht kämpfen"

Interview mit Heiko Balsmeyer, Referent für Verkehrspolitik beim VCD und Geschäftsführer von "per pedes" e.V.

Gehen ist die natürlichste Art sich fortzubewegen. Doch im Straßenverkehr haben Fußgänger oft das Nachsehen. Der Verein „per pedes“ möchte das ändern und setzt sich für den Fußgängerschutz in Berlin und Brandenburg ein. Sein Geschäftsführer Heiko Balsmeyer spricht über über Gefahren, Hindernisse und die Freuden beim Gehen.

Warum brauchen Fußgänger Schutz?

Balsmeyer: Fußgänger brauchen Schutz, weil das Gehen als eigenständige Verkehrsart gar nicht wahrgenommen wird. Dabei beginnen die meisten Strecken mit einem Fußweg. Fußgänger möchten sicher und attraktiv unterwegs sein: Auf Wegen, auf denen man nicht mit dem Autoverkehr in Berührung kommt, die grün sind und auf denen man gerne läuft.

Was tut Ihr Verein dafür?

Balsmeyer: Ein wichtiges Projekt, das wir unterstützen, sind die „20 Grünen Wege für Berlin“. Ein Netz von Spazierwegen, das auf insgesamt mehr als 500 Kilometern die Stadt mit Naherholungsgebieten und dem Umland verbindet. Konkret setzen wir uns dafür ein, Ampelschaltungen so zu verbessern, dass lange Wartezeiten für Fußgänger wegfallen. Und wir fordern den Bau von sogenannten Gehwegnasen, die den Weg über die Fahrbahn verkürzen.

Auf welche Hindernisse treffen Fußgänger im Alltag?

Balsmeyer: Das Hindernis, auf das man überall trifft, ist das Auto. Selbst an Zebrastreifen müssen Fußgänger um ihr Recht kämpfen. Viele Autofahrer sehen darin nur eine freiwillige Verpflichtung. Ein zweites Problem ist die Möblierung der Straße: sprich Stromkästen, Straßenschilder oder in letzter Zeit riesige Werbetafeln, die den Gehweg versperren. Dabei gibt es eine Planungshilfe für Fußgängerwege, die eine Mindestbreite von 2,50 Metern vorsieht.

Wo sehen Sie denn möglicherweise Gefahren für Fußgänger?

Balsmeyer: Eine besondere Gefahr ist der schlechte Zustand der Gehwege. Häufig melden sich Menschen nach einem Sturz bei uns und bitten um rechtliche Unterstützung. In der Winterzeit sind viele Gehwege nicht ausreichend geräumt. Alles wird dafür getan, dass die Straßen frei sind, die Gehwege sind anscheinend nicht so wichtig.

Wie hoch ist denn überhaupt der Anteil des Fußverkehrs am Gesamtverkehr?

Balsmeyer: In Berlin verfügt etwa die Hälfte der Einwohner über gar kein Auto. Das heißt sie bewegen sich zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Öffentlichen Nahverkehr beziehungsweise einem Mix aller drei Mobilitätsarten fort. Von daher sind die beiden Verkehrsmittel die natürlichen Partner der Fußgänger. Doch das Verhältnis ist nicht ohne Konflikte.

Was für Konflikte sind das?

Balsmeyer: Der öffentliche Nahverkehr ist nicht immer barrierefrei, das heißt schlecht für Menschen mit Behinderung geeignet. Vor allem ältere Menschen fühlen sich auf den Gehwegen von Radfahrern bedrängt. Die Probleme sind vor allem darauf zurückzuführen, dass dem Auto noch übermäßig viel Platz in den Städten eingeräumt wird. Wenn die Radfahrer mehr Platz auf der Straße erhielten, würden die Konflikte abnehmen.

Warum steigen die Deutschen selbst für kurze Strecken immer noch ins Auto?

Balsmeyer: Wir leben in einer Autogesellschaft. Viele können es sich gar nicht mehr anders vorstellen als mit dem Auto zum Briefkasten, zum Bäcker oder zur Schule zu fahren. In Ihr Auto  investieren die Menschen nicht nur eine Menge Geld, sondern auch viel Zeit. Wenn man es geschickt anstellt, ist man zu Fuß in vielen Fällen sogar schneller unterwegs als mit dem Auto.

An welche Entfernungen denken Sie dabei?

Balsmeyer: Das hängt von den Fähigkeiten, der Zeit und der Übung ab. In unserem Verein gibt es Mitglieder, die versuchen alles zu Fuß zu bewältigen, selbst ihren Umzug. Zwei bis drei Kilometer kann man auf jeden Fall zu Fuß gehen. Viele Leute gehen aus Bequemlichkeit nicht zu Fuß. Die gilt es auf den Geschmack zu bringen.

Warum sollte sich die Politik stärker um die Fußgänger kümmern?

Balsmeyer: In Deutschland gibt es bislang noch keine Stadt, die den Fußverkehr systematisch fördert. Dabei ist Gehen eine Basismobilität: Wenn die nicht funktioniert, funktioniert überhaupt keine Mobilität. Außerdem ist es eine Verkehrsart, die nicht viel kostet. Jede Kommune mit Geldproblemen, sollte sich deshalb anschauen, wie der nichtmotorisierte Verkehr gefördert werden kann.

Stand: 10.02.2010

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