Diskussionsrunde beim Klima-Talk, Rechte: Heine/vzbv

Holger Krawinkel, Verbraucherzentrale Bundesverband, Oliver Mietzsch, Deutscher Städtetag, Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher SPD-Fraktion, Georg Ehring, Moderator des Deutschlandfunk, Wolfgang Schwenk, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und Mark Spörrle, ZEIT-Redakteur (v.l.n.r.)

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Klima-Talk zum Thema "Abenteuer Nahverkehr"

Verbraucherzentrale Bundesverband lud zum Diskussionsabend in Berlin

Um die CO2-Belastung durch den Straßenverkehr zu reduzieren, muss der Öffentliche Personenverkehr attraktiver werden. Doch wie können Busse und Bahnen flexibler und kundenfreundlicher gestaltet werden? Das war das Thema unseres Klima-Talks mit Podiumsgästen und Verbrauchern am 26. Oktober in Berlin.

„Der Tag ist gut gewählt“ meinte Deutschlandfunk-Moderator Georg Ehring zu Beginn in Anspielung auf die Streiks bei der Deutschen Bahn und wurde sogleich unterbrochen von „Kellner Kalle“. Mit einem Augenzwinkern richtete der Kabarettist aus, dass Herr Gutschmitt leider nicht pünktlich kommen könne, da ihm Fahrkartenautomaten, zu kurze Umsteigezeiten, eine Fahrpreisnachlasserhebung und schließlich auch die Streiks der Bahn an einem pünktlichen Erscheinen gehindert hätten.

Während der für Herrn Gutschmitt in der zweiten Sitzreihe reservierte Platz leer blieb, hatten Oliver Mietzsch, Deutscher Städtetag, Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher SPD-Fraktion, Mark Spörrle, ZEIT-Redakteur und Buchautor ("Senk ju vor träwelling"), Wolfgang Schwenk, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und Holger Krawinkel, Verbraucherzentrale Bundesverband, auf dem Podium Platz genommen.

Verbraucher wünschen sich kostenlosen ÖPNV

In entspannter Wohnzimmer-Atmosphäre wurde darüber diskutiert, wie der Öffentliche Nahverkehr attraktiver werden und zugleich zum Klimaschutz beitragen kann.

Anregungen hatten die Gesprächspartner reichlich: Deutschlandfunk-Moderator Ehring zitierte Verbraucherwünsche, die die Verbraucherallianz fürs Klima mit der „Aktion Wunschticket“ gesammelt hatte. Am häufigsten wurde der Wunsch geäußert, kostenlos fahren zu dürfen. Außerdem wünschen sich Verbraucher verbesserte Möglichkeiten zur Fahrradmitnahme und einfach zu verstehende Fahrkartenautomaten. Krawinkel, Verbraucherzentrale Bundesverband, verwies auf die Forderungen des Verbraucherparlaments, allen voran der nach einer Einheitsabgabe für den ÖPNV, höherer Flexibilität und einer verbesserten Taktung.

Bei den Podiumsgästen stießen viele dieser Wünsche auf großes Interesse. So wurde folglich auch weniger über das „ob“ diskutiert sondern vielmehr über das „wie“ der Realisierung. Geständnisse von Mietzsch – „Ich habe vor kurzem meine EC-Karte im Automat stecken lassen“ und Spörrle – „In München fehlte die Bezeichnung ‚Innenstadt‘ auf dem Automaten, da habe ich mit Freunden einfach über das richtige Ticket 'abgestimmt'" - wurden mit verständnisvollem Nicken der Zuhörer quittiert.

Verantwortung für den Öffentlichen Personennahverkehr bei den Kommunen

Immer wieder wurden Beispiele für gelungene Systeme genannt, sowohl von den Teilnehmern auf dem Podium als auch von den Verbrauchern. Ob Einheitspreis von fünf Pesos in Argentinien, wabenförmige Tarifzonen in den Niederlanden, kostenloser ÖPNV im belgischen Hasselt oder elektronisches Ein- und Auschecken wie in Bremen - Vorbilder gab es reichlich. Woran also hapert es beim Öffentlichen Personennahverkehr in Deutschland?

„Die Hoheit, einen Tarif zu organisieren liegt bei den Kommunen“ erklärte Schwenk, der die Verkehrsunternehmen vertrat. Er plädierte für gerechte Tarife. „Die werden dann aber automatisch auch komplizierter“, räumte er ein.

Der beste Nahverkehr Europas

Mietzsch vom Deutschen Städtetag machte vor allem die Anzahl der Verkehrsanbieter für die komplizierten Strukturen verantwortlich. „Wir haben einen sehr guten Nahverkehr in Deutschland, den besten in Europa. Und wir haben verschiedene Anbieter. Das führt zu Überschneidungen.“ Die Tarifstruktur, so wie sie sei, „habe ja ihre Logik“. Allerdings könne eine einheitliche Benutzeroberfläche darüber gelegt werden. „Dann hätten wir einiges erreicht für die Kunden,“ meinte Mietzsch. 

Am besten sei ein einheitliches System, z.B. ein Chip für automatisches Ein- und Auschecken. Dieses „Electronic Ticketing“ fand allseits Zuspruch, auch wenn ein Hinweis aus dem Publikum daran erinnerte, den Datenschutz darüber nicht zu vergessen.

Viele weitere Themen wurden aufgegriffen und lebhaft diskutiert: Wie Autofahrer zum Umstieg auf den ÖPNV bewegt werden und dieser insgesamt stärker gefördert werden könnte, wie die Sicherheit der Fahrgäste erhöht und - auch eine Bitte aus dem Publikum - Busse und Bahnen sauberer gehalten werden könnten. In vielen Punkten war man sich am Ende einig, wenn auch die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt wurden.

Auch der ÖPNV muss klimaverträglicher werden

Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, schlug vor, auf Anreize statt auf Bevormundung zu setzen und die soziale Komponente nicht zu vergessen. Krawinkel war das Thema Elektromobilität sehr wichtig. Er forderte dazu auf, nicht nur die Pkw, sondern auch den ÖPNV klimaverträglicher zu gestalten. Den Kommunen schlug er vor, sich den Stadtraum durch entsprechende Parkraumkonzepte zurückzuerobern.

Der ÖPNV müsse attraktiv sein und Spaß machen, meinte Krawinkel und mahnte: "Der ÖPNV muss dem Fahrgast folgen, nicht umgekehrt." Das hätte sich sicher auch Herr Gutschmitt gewünscht,  sein Platz war bis zum Ende der Veranstaltung unbesetzt geblieben.

Klimaschutz als Verkaufsargument - Thema des Klima-Talks am 30. November 2010

Der nächste Klima-Talk findet am 30. November 2010 zum Thema "Klimaschutz als Verkaufsargument" statt. Es diskutieren: Susanne Köhler (Zukunftsinstitut Kelkheim), Volker Nickel (Deutscher Werberat und Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft), Prof. Jürgen Kessler (Rechtswissenschaftler) und Katja Mrowka (Verbraucherzentrale Bundesverband).

Der Deutschlandfunk ist Medienpartner und moderiert die Talk-Runden im Literatursalon des Restaurants Theodor Tucher direkt am Brandenburger Tor, Pariser Platz 6a, 10117 Berlin.

Stand: 27.10.2010

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