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Produktwerbung zwischen Wahrheit und Täuschung
Interview mit Katja Mrowka, Juristin im Verbraucherzentrale Bundesverband
Es ist schick geworden, klimafreundlich zu leben. Die Industrie stellt sich darauf ein und bewirbt Produkte mit Attributen wie „klimaneutral“, „klimaschonend“ oder gar „klimafreundlich“. Eine neue Umfrage zeigt, dass diese Begriffe die Verbraucher mehr verwirren als dass sie informieren. Katja Mrowka, juristische Referentin beim Verbraucherzentrale Bundesverband, erklärt wie Verbraucher zwischen Schein und Sein unterscheiden können.
Werbung mit Klimaschutzargumenten zeigt, dass Verbraucher durchaus etwas für das Klima tun möchten und vielleicht eher zu „grünen“ Produkten greifen, oder?
Mrowka: Wenn die Produkte aber nicht wirklich klimaneutral sind, ist die Werbung für die Verbraucher irreführend und hilft ja dem Klima nicht. Die Klimafreundlichkeit wird nur suggeriert. Manche Firmen werben auch nur deshalb mit Klimaschutzargumenten, um strengere Umweltgesetze zu verhindern. Das gilt zum Beispiel für die Autoindustrie, die strenge gesetzliche Grenzwerte für den CO2-Ausstoß von Kraftfahrzeugen fürchtet. Die Unternehmen tun so, als seien sie schon „grün“ und schärfere Gesetze deshalb unnötig. Das wird auch Greenwashing genannt – auf Deutsch heißt das so viel wie „Grünfärberei“.
Werbung mit Klimaschutzargumenten ist ja nicht zu verwechseln mit Botschaften, bei denen es um Umweltschutz geht ...
Mrowka: Ja, das stimmt. Natürlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Aber beim Klimaschutz geht es speziell um die Emission von Treibhausgasen und die daraus resultierende Erderwärmung.
Wie werben die Firmen denn mit Klimaschutzargumenten?
Mrowka: Oft sind es nur einzelne Schlagwörter wie „klimaneutral“, „klimaschonend“ oder „klimafreundlich“, manchmal werden auch Zahlen für einen reduzierten CO2-Ausstoß genannt. Da sehen wir viele Spielarten.
Gibt es Branchen, die hier besonders auffallen?
Mrowka: Nein, solche Werbung finden wir branchenübergreifend, von der klimaneutralen Tomate über das klimaneutrale Restaurant bis zur klimaneutralen Internetsuche. Das ganze Leben kann man klimaneutral gestalten – will man der Werbung glauben! Natürlich wird vor allem dort mit Klimaschutzargumenten geworben, wo am meisten CO2 ausgestoßen wird – damit meine ich die Energie- und Autoindustrie.
Wann ist es denn in Ordnung, mit Klimaschutzargumenten zu werben?
Mrowka: In Ordnung ist es, wenn das Produkt oder die Dienstleistung wirklich klimafreundlich ist, das Klima also nicht belastet oder es sogar verbessert. Wir haben leider das Problem, dass es keine offiziellen Kriterien für diese Begrifflichkeiten gibt. Deshalb ist es für den Verbraucher schwierig zu erkennen, was in Ordnung ist und was nicht. Wenn zum Beispiel ein Energieunternehmen mit Klimafreundlichkeit wirbt, in Wahrheit aber nur zwei Prozent des gesamten Stroms aus erneuerbaren Energien stammt, dann ist das ein Missverhältnis.
Begriffe wie "klimafreundlich" und "klimaneutral" verwirren
Umfrage von TNS Infratest
Die Begriffe "klimafreundlich" und "klimaneutral" verwirren Verbraucher mehr als dass sie informieren. Das belegt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest, im Auftrag von "für mich. für dich. fürs klima". Danach glauben 23,5 Prozent der Befragten, dass ein als "klimaneutral" bezeichnetes Produkt das Klima gar nicht belastet, 40,8 Prozent sind überzeugt, dass es für das Klima weniger schädlich ist. Jeder Zehnte ist der Meinung, dass eine "klimafreundliche" Ware das Klima gar nicht belastet.
Nach Produkten befragt, die sie mit dem Begriff "klimafreundlich" verbinden, denken elf Prozent der Verbraucher an neue Autos. Allerdings fällt einem Großteil der Befragten bei den Begriffen "klimafreundlich" (41 Prozent) und "klimaneutral" (64,9 Prozent) kein Produkt ein.
Wie können Verbraucher Etikettenschwindel erkennen?
Katja Mrowka: Das ist sehr schwierig! Aber Verbraucher können auf Hinweise achten. Zum Beispiel, ob allein mit Schlagworten geworben wird, oder ob diese mit Erläuterungen ergänzt werden. Darüber hinaus müssen sie dann schon selbst recherchieren, zum Beispiel im Internet. Aber auch Siegel können helfen, allen voran der Blaue Engel - seit kurzem mit dem Zusatz „schützt das Klima“.
Und die Verbraucherzentralen sammeln nun Werbung mit Klimaschutzargumenten?
Katja Mrowka: Ja, wir möchten uns einen Überblick verschaffen und bitten Verbraucher, uns dabei zu helfen. Dabei interessiert uns jede Werbung, die mit klimaneutral,klimafreundlich oder ähnlichen Argumenten für Produkte oder Dienstleistungen wirbt. Und dabei geht es uns nicht nur um Etikettenschwindel sondern auch um ehrliche Werbung.
Was können Verbraucher alles abgeben und wie können sie das tun?
Katja Mrowka: Abgegeben und genannt werden kann eigentlich fast alles. Einfach ist es natürlich mit Zeitungsanzeigen oder Internetseiten. Wir nehmen aber auch Produktaufkleber oder die Produkte selbst entgegen bzw. die Verpackungen. Die können bei den Verbraucherzentralen abgegeben werden. Wir freuen uns ebenso über Hinweise, zum Beispiel zu Rundfunkwerbung. Natürlich können Verbraucher uns auch Fotos von Werbung schicken, am einfachsten geht das über unser Onlineformular.
Wie geht es dann weiter?
Katja Mrowka: Zunächst sammeln wir, dann werten wir aus. Und wenn es erforderlich ist, gehen wir mit rechtlichen Mitteln gegen Etikettenschwindel vor.
Welche Konsequenz muss ein Anbieter schlimmstenfalls fürchten?
Katja Mrowka: Wenn er gegen Gesetze verstößt, mahnen wir ab und klagen notfalls auf Unterlassung, so dass er die Werbung stoppen muss.
Das sind ja vergleichsweise milde Strafen …
Katja Mrowka: Augenblicklich haben wir keine anderen Möglichkeiten. Und genau deshalb starten wir ja die Aktion: Wir kämpfen dafür, dass dies anders wird und die Verbraucherrechte gestärkt werden. Und das tun wir sowohl auf juristischer, als auch auf poltischer Ebene.
Stand: 03.12.2009
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