Die lange Reise bis zum Kochtopf
Lebensmittel reisen um die Welt - oft ohne Vorteil für die Verbraucher
Die Wege, die Lebensmittel zurücklegen, werden immer länger. Dabei haben sich die Speisepläne kaum verändert. Neu hingegen sind die vielen und langen Transportwege der Lebensmittel. Ein wesentlicher Grund für diese klimaschädlichen Transporte sind neben der Globalisierung vor allem die stark gesunkenen Transportkosten, wodurch niedrigere Produktionskosten selbst bei weiteren Transportstrecken immer noch zu Kostenvorteilen führen [1].
Früher wurden Nordseekrabben gleich nach dem Fang vor Ort gepult. Vor ein paar Jahren wurden sie dafür dann überwiegend nach Polen gebracht. Doch weil die Löhne dort gestiegen sind, übernehmen inzwischen vor allem Marokkanerinnen den Job - für sechs Euro am Tag. Die Krabben fahren somit 2.500 Kilometer hin und 2.500 Kilometer wieder zurück, um anschließend hinterm Deich in einer schleswig-holsteinischen Fischbude gegessen zu werden [2]. Inzwischen ist durch die gestiegenen Transport- und Lohnkosten Deutschlands erste maschinelle Krabbenschälfabrik Europas in Cuxhaven im Bau, die ab August 2009 täglich 10 Tonnen Krabben schälen kann.
Immer weiter kreuz und quer
Die Zahl der Futter- und Lebensmitteltransporte in Deutschland ist innerhalb von fünf Jahren (1995-2000) um 30 Prozent nach oben geschnellt [3]. Mehr als 95 Prozent der Lebensmittel, die die Kunden in ihre Einkaufswagen packen, haben heute mehr als 100 Kilometer Transportweg hinter sich [4] - nicht wenige sind um den halben Erdball gereist. Dabei gibt es das Meiste durchaus in der Region. Exotische Produkte wie Kaffee, Tee und Schokolade machen nur einen kleinen Teil des täglichen Warenkorbs aus.
Milch und Fleisch werden kreuz und quer durch die ganze Republik transportiert – nicht selten durch halb Europa. Auch suchen die Großkonzerne gern den günstigsten Verarbeiter - und bei der gnadenlosen Konkurrenz sind viele Betriebe auf der Stecke geblieben. So wird nicht selten das gleiche Produkt im- und exportiert. Ein Beispiel: Im Jahr 2007 verließen etwa 1,63 Millionen Tonnen Schweinefleisch Deutschland - und zugleich kamen wiederum von anderswoher 1,68 Millionen Tonnen Schweinefleisch nach Deutschland [5].
Die Kosten der Transporte tragen die Allgemeinheit und das Klima
Was für jeden vernünftigen Bürger völlig unwirtschaftlich erscheint, rechnet sich für die Lebensmittelkonzerne durchaus. In ihrer Kalkulation spielen die Kosten für die Kutscherei nur eine unbedeutende Rolle. Bezahlen muss dafür die Allgemeinheit. Das Schweizer Infras-Institut hat ausgerechnet, dass der LKW-Verkehr auf deutschen Straßen fast zwölf Milliarden Euro im Jahr kostet, die nicht durch Maut, Mineralöl- oder KfZ-Steuer abgedeckt sind. [6] Neben Gesundheitsschäden durch Lärm und Unfälle sind es vor allem die Folgen des Klimawandels, für die die Verursacher bisher nicht aufkommen. Und diese Kosten spiegeln sich in den Lebensmittelpreisen bisher ebenfalls in keiner Weise wider
Das Flugzeug ist der Klimakiller Nr. 1
Die weitaus größten Lebensmittelmengen werden in Deutschland per LKW transportiert. Die Bahn spielt nur eine untergeordnete Rolle. Wie viele Lebensmittel per Flugzeug kommen, ist dagegen unklar; zusammenfassende Daten fehlen [7]. Doch eindeutig ist: Gerade diese Transporte sind fürs Klima katastrophal. Flugzeuge verursachen pro Tonne Transportgut und Kilometer die mit Abstand höchsten Treibhausgasemissionen.
Treibhausgas-Emissionen durch verschiedene Transportmittel
Die Flugzeugabgase, die in großer Höhe ausgestoßen werden, belasten das Klima noch wesentlich stärker als die Emissionen bodennaher Fahrzeuge. So belastet ein Kilogramm Spargel, das aus Chile eingeflogen wird, die Atmosphäre rund 50 Mal stärker als die gleiche Menge per LKW aus Spanien. Kommen die weißen Stangen jedoch aus der Region mit einem Transportweg von maximal 100 Kilometer verursachen sie gerade mal 17 % der Emissionen des LKW-Transports aus Spanien [8]. Wer per Rad zum Feld fährt und dort selber erntet, ist unschlagbar klimafreundlich: Er kommt beim Transport auf null Gramm Kohlendioxid!
Zwar schadet eine Tonne Gemüse oder Obst, das einen Kilometer per Hochseedampfer reist, dem Klima weniger, als wenn ein LKW losfährt. Doch weil die Wege so weit sind, hat beispielsweise ein Kilo Äpfel aus Neuseeland am Ende mehr als doppelt so viel CO2 verursacht wie die gleiche Menge aus Italien.
Äpfel im Frühjahr: Aus dem Kühlkeller oder aus Übersee
Im Allgemeinen gilt: Je kürzer die Anreise, desto besser fürs Klima. Und wie sieht es im Frühjahr aus? Dann lagern die Äpfel aus Deutschland schon ein halbes Jahr lang in einem speziellen Kühllager - mit reduziertem Sauerstoff- und Feuchtigkeitsgehalt der Luft - und die dort herrschende Temperatur von nur ein bis drei Grad muss ebenfalls mit viel Energieaufwand hergestellt werden. Für die Klimabilanz bedeutet das: Der Apfel aus Neuseeland schneidet jetzt nur noch ein Drittel schlechter ab als der Kollege aus Deutschland [9]. In dieser Zeit ist zum Beispiel Rhabarber eine erfrischende und klimafreundliche Alternative.
Mit dem Auto zum Einkauf verdirbt die Ökobilanz
Extra mit dem dicken (Gelände)Wagen zum weit entfernten Hofladen zu fahren, um Lebensmittel aus der Region zu kaufen, ist jedoch alles andere als sinnvoll. Durch den hohen Spritverbrauch ist der Klimavorteil regionaler saisonaler Lebensmittel bereits bei wenigen Kilometern Anfahrt aufgebraucht – wenn nicht sogar überkompensiert. Und auch wer mit seinem Mittelklassewagen zehn Kilometer zum Laden unterwegs ist, hat damit schnell mal anderthalb bis drei Kilogramm CO2 produziert.
[1] Link zu PDF "Luftfracht bei Lebensmitteln", S. 20-23
[2] Krabbenverarbeitung und Von der Nordsee nach Marokko
[3] Link zu PDF "Klimaschutz auf kurzen Wegen", S. 7
[4] ebd. S. 5
[5] Link zu PDF "Fleischverzehr", S. 1
[6] Aus einer Pressemitteilung des EP-Abgeordneten Michael Cramer. Link zur Website
[7] Link zu PDF "Verantwortungsbewusstes Handeln", S. 134
[8] Link zu PDF "Klimaschutz auf kurzen Wegen", S. 15
In fachlicher Zusammenarbeit mit Ernährungsexperten der Verbraucherzentralen, gefördert vom BMELV
Stand: 14.08.2009
Seite empfehlen
Materialien zum Download
Ernährung und Transport (pdf 13,4 MB)
Weiterführende Links
Die Klimabilanz von Äpfeln Zeit-Artikel zum Vergleich von Saisonäpfeln aus Übersee und lange gelagerten heimischen Äpfeln



