Tomaten im Winter auf Kosten des Klimas
Früchte und Gemüse außerhalb der Saison anzubauen ist extrem energieaufwändig
Frisches Gemüse aus dem Treibhaus - zumal im Winter - ist alles andere als klimafreundlich. Damit die Pflänzchen wachsen, muss es drinnen so warm sein wie in einem Wohnzimmer. Doch die Glaswände sind vielfach äußerst schlecht isoliert. Das verbraucht viel Energie - und so belastet unsere Lust auf Tomaten im Februar das Weltklima enorm.
3.400 Hektar Anbauflächen in Deutschland sind mit Glas überdacht - das entspricht einer Fläche von mehr als 4.000 Fußballfeldern. Sowohl Blumen als auch Gemüse werden darin mit großem Aufwand großgezogen. Nur so ist es möglich, dass die Kunden auch im Winter Frisches aus Deutschland genießen können. Unvergleichlich größere Mengen Tomaten, Gurken und Paprika kommen allerdings von den Nachbarn aus Holland, wo mehr als 10.000 Hektar Land mit Gewächshäusern zugestellt sind. [1]
Der Energieaufwand für diese Art der Produktion ist in unseren Breitengraden immens: Durchschnittlich 40 Liter Erdöl oder eine entsprechende Menge anderer Heizstoffe sind pro Quadratmeter und Jahr nötig, damit die Pflanzen auch außerhalb der natürlichen Saison gedeihen. [2]
Wärme und Pestizide für makelloses Gemüse
Vor allem Gurken und Tomaten brauchen es kuschelig warm. Unter 20 bis 21 Grad gedeihen sie nicht. Erst ab Mai kann die Heizung dann in der Regel kalt bleiben - aber auf weniger als acht Grad darf das Thermometer nie sinken, weil das Gemüse sonst grüne und gelbe Flecken bekommt und die Kundschaft es dann liegen lassen würde. [3]
Zwar ist der Heizbedarf zum Beispiel bei Almeria in Südspanien deutlich geringer als bei uns. Dort gibt es rund 30.000 Hektar Gemüsefelder unter Plastikdächern. Doch unproblematisch sind Tomaten und Paprika von dort aus anderen Gründen nicht: Teilweise schuften in den Betrieben illegal Beschäftigte bis zu 16 Stunden am Tag und bekommen dafür gerade einmal 36 Euro. Zudem sind sie häufig auch noch ungeschützt Pestiziden ausgesetzt. [4]
Veraltete Technik, schlechte Isolierung
Etwa 60 Kilogramm Tomaten pro Quadratmeter wachsen in Deutschland in einem ganzjährig betriebenen Gewächshaus. In Holland sind es durchschnittlich 15 bis 20 Kilogramm mehr. Ursache ist eine moderne Treibhaustechnik, bei der das Kohlendioxid aus der Erdgasheizung nicht gleich in die Atmosphäre geleitet wird, sondern verdünnt und gereinigt erst zu den Tomaten gebracht wird. Dort wirkt es wie ein Dünger. [5]
Zwar gibt es in Deutschland inzwischen ein paar Gartenbaubetriebe, die mit erneuerbaren Energien heizen. Doch der ganz überwiegende Teil der Gewächshausheizungen wird mit Erdöl und - seltener - mit Erdgas oder Kohle gewärmt. Dabei wird 90 Grad heißes Wasser durch Stahl- oder Aluminiumrohre geschickt, die an Pfeilern und im Deckenraum verlaufen. Die meisten Gewächshäuser hierzulande sind älter als zehn Jahre, fast ein Drittel sogar älter als 25 Jahre [6] - und damit wenig energieeffizient. Allerdings betreiben viele Gartenbaubetriebe ihre Anlagen ausschließlich in den wärmeren Monaten und dann meist ohne Heizung. Außerdem sind viele nach der ersten Ölkrise auf kältetolerante Sorten wie Radieschen und Feldsalat umgestiegen und überlassen die Tomatenzucht lieber den Konkurrenten aus Holland. [7]
Noch Zukunftsmusik: Klimafreundliche Gewächshäuser
An der Universität Hannover, einigen anderen Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind Wissenschaftler eifrig dabei, ein klimafreundliches 5-Liter-Gewächshaus zu bauen. Hans-Jürgen Tantau, Professor für Biosystem- und Gartenbautechnik in Hannover, hofft sogar auf eine Konstruktion, die ganz ohne Heizung auskommt und im Betrieb klimaneutral sein wird. Und auch in den Niederlanden forscht man eifrig an klimafreundlichen Lösungen. Doch für die breite Masse ist das noch ferne Zukunft.
Freilandsalat ist über 30 Mal klimafreundlicher als der aus dem Gewächshaus
Für das Klima im großen Treibhaus Erde ist die Existenz der vielen kleinen Treibhäuser fatal. Beispielsweise verursachen ein Kopf Salat oder ein Kilo Bohnen, wenn sie in künstlicher Wärme gereift sind, rund 30 Mal so viel Treibhausgas verglichen mit ihren Freiland-„Kollegen“.
Emissionen beim Unterglas- und Freilandanbau
(CO2-Äquivalente in g/kg Lebensmittel)
Dabei ist natürlich immer sehr entscheidend, wie kalt es draußen ist. Denn ab einer bestimmten Außentemperatur reicht es aus, wenn die Sonne durch die Glasscheiben scheint. Dann muss das Gewächshaus nur bei Kälteeinbrüchen beheizt werden - und es gibt dennoch rote Tomaten. Klar, dass die Klimabelastung dann deutlich absinkt. Trotzdem ist auch solches Gewächshausgemüse noch immer um ein Vielfaches ungünstiger als Freilandware. Ein Kilogramm Tomaten aus dem ungeheizten Gewächshaus schlagen mit 27 Mal mehr CO2 zu Buche als Freilandtomaten - geerntet in der Saison von Juli bis Oktober. Absolut katastrophal fällt die Bilanz aus, wenn die Tomaten in unseren Breitengraden im Winter hergestellt werden: Sie belasten das Klima mehr als 100 Mal stärker. [8]
[1] Nazim Gruda, Geog Ruhm u.a.: Die Auswirkung von Heizölpreissteigerungen auf sächsische Gartenbauunternehmen. Teil 1: Ausgangs- und Energiesituation der Unterglasbetriebe. Berichte über Landwirtschaft 87(1), 2009, S. 87-105.
Informationen zu Gewächshäusern in den Niederlanden: Auskunft der niederländischen Botschaft
[2] Gewächshäuser fast ohne fossile Energie
[3] Telefonat mit Burkhard von Elsner, Dozent an der Universität Hannover, FB Biosystem- und Gartenbautechnik
[4] Reportage "Die Gewächshaus-Sklaven"
[5] siehe Fußnote [2]
[6] Die Auswirkungen von Heizölpreissteigerungen auf Sächsische Gartenbauunternehmen, N. Gruda et al, 2009, S. 87 – 105, S. 96
[7] Auskunft von Jochen Winkhoff aus Berlin, Bundesfachgruppe Gemüsebau, 16.6.2009
[8] Andreas Grabolle, Tanja Loitz, Universität Gießen, Ökologie und Landbau
Pendos CO2-Zähler: Die CO2-Tabelle für ein klimafreundliches Leben, München 2007 zitiert in: Factsheet: ‚Ernährung und Klima’, Seite 4
und zitiert in: CO2-Belastung durch Lebensmittel Seite 12
In fachlicher Zusammenarbeit mit Ernährungsexperten der Verbraucherzentralen, gefördert vom BMELV
Stand: 14.08.2009
Seite empfehlen
Materialien zum Download
Gewächshäuser in Deutschland (pdf 110 KB) Energiebedarf von Gewächshäusern (pdf 2 KB)
Weiterführende Links
Klimafreundliche Gewächshäuser als Zukunftsvision Artikel im Informationsdienst Wissenschaft (idw)



